Enoshima ist so eine dieser japanischen Inseln, bei denen Ihr Euch fragt, wie auf so wenig Fläche so viel Platz für Geschichte, Natur und kulinarische Entdeckungen sein kann. Gerade einmal vier Kilometer Küstenlinie, aber gefühlt eine ganze Welt: Tempel, Aussichtspunkte, verwinkelte Gassen, frei streunende Katzen, Meeresfrüchte in allen Variationen – und rundherum das Meer, das mal sanft glitzert und mal dramatisch gegen die Felsen schlägt.
Die Insel liegt in der Präfektur Kanagawa, nur etwa eine Stunde von Tokio entfernt, und ist deshalb ein perfektes Ziel für einen Tagesausflug. Über eine knapp 600 Meter lange Brücke kommt Ihr bequem zu Fuß hinüber, ganz ohne Boot oder Fähre. Trotzdem fühlt es sich an, als hättet Ihr Tokio meilenweit hinter Euch gelassen.
Die Stimmung auf Enoshima ist eine besondere Mischung: Auf der Hauptstraße ist oft geschäftiges Treiben, Einheimische und Touristen schlendern durch Läden, probieren frisch gegrillten Tintenfisch oder Taiyaki und machen Selfies vor dem Torii des Schreins. Gleichzeitig findet Ihr auf der Insel immer wieder ruhige Ecken – sei es in einem kleinen Waldstück, in einer abgelegenen Tempelhalle oder am Rand einer Felsklippe, wo nur der Wind und die Wellen Eure Begleiter sind.
Und dann ist da noch die Geschichte. Enoshima ist eng mit der Göttin Benzaiten verbunden, einer der wenigen weiblichen Gottheiten in der japanischen Götterwelt. Sie steht für Musik, Weisheit, Wasser und Glück, und ihre Legende verleiht der Insel eine besondere, fast sanfte Aura. Vielleicht liegt es an dieser Mischung aus Mythos und Natur, dass Enoshima eine Anziehungskraft hat, die man schon beim ersten Besuch spürt.
Wenn Ihr Lust habt auf eine Prise Meeresbrise, japanische Mythologie, verwinkelte Gassen und regionale Spezialitäten, dann ist ein Tag auf Enoshima genau das Richtige.

Anreise – entspannt oder mit dem gewissen Abenteuerfaktor
Enoshima liegt so nah am Festland, dass Ihr von Tokio aus ohne Stress anreisen könnt – und dabei sogar die Wahl habt, ob Ihr lieber schnell und bequem oder langsam und aussichtsreich unterwegs seid. Von Shinjuku aus bringt Euch die Odakyu-Linie direkt bis Katase-Enoshima.

Falls Ihr lieber schon während der Fahrt Meerblicke genießen wollt, nehmt ab Fujisawa die Enoden – eine charmante Straßenbahn, die sich zwischen Wohnvierteln, kleinen Bahnhöfen und der Küste entlangschlängelt. Die Wagen sind schmal, der Fahrstil gemächlich, und draußen wechseln sich Strandabschnitte und kleine Stadtviertel ab. Wenn Ihr hier an der Station Enoshima aussteigt, erreicht Ihr die Brücke zur Insel nach einem kurzen Spaziergang.
Von Yokohama aus ist die JR Tokaido-Linie bis Fujisawa eine gute Option. Dort könnt Ihr in die Odakyu-Linie oder die Enoden umsteigen. Falls Ihr plant, Enoshima und Kamakura am selben Tag zu besuchen, lohnt sich der Enoshima-Kamakura Freepass*. Damit könnt Ihr ab Shinjuku hin- und zurückfahren und beliebig oft die Enoden nutzen – perfekt, wenn Ihr flexibel zwischen Küste, Tempeln und Stränden wechseln wollt.

Wer eine ganz besonderes zur Anreise sucht, der sollte ab Ofuna die Shonan Monorail nutzen. Diese Schwebebahn fliegt ohne Gleise über die Landschaft. Kurz vor der Endhaltestelle Shōnan-Enoshima habt Ihr einen wundervollen Blick auf die kleine Insel, die jetzt auf Euren Besuch wartet.
Sehenswertes – zwischen Tempeln, Aussicht und Meeresbrise
Sobald Ihr die Brücke überquert habt, begrüßt Euch die Benzaiten Nakamise-dori, die belebte Einkaufsstraße der Insel. Links und rechts reihen sich Souvenirläden, kleine Cafés, Snackstände und Geschäfte mit Meeresfrüchten aneinander. Es riecht nach frisch gegrilltem Fisch, nach süßen Pfannkuchen und gebratenem Teig. Hier könnt Ihr erste Snacks probieren oder schon mal ein Souvenir ins Auge fassen.

Der Weg führt Euch direkt zum Enoshima-Schrein, der sich aus drei Schreinbereichen zusammensetzt: Hetsunomiya, Nakatsunomiya und Okutsunomiya. Sie sind terrassenförmig angelegt, verbunden durch Treppen und kleine Wege. Die Schreinbauten sind Benzaiten geweiht, und an vielen Stellen seht Ihr ihre Statue – mal klassisch, mal in moderner Interpretation. Falls Ihr Euch den Aufstieg erleichtern wollt, gibt es die Escar – Rolltreppen, die Euch (gegen Gebühr) den ersten Abschnitt ersparen.

Ein Highlight ist der Enoshima Sea Candle (↗ jetzt Ticket vorbestellen*), der moderne Leuchtturm und Aussichtsturm im Samuel Cocking Garden. Von hier oben habt Ihr einen fantastischen Rundumblick: auf das Meer, die Shōnan-Küste und bei klarem Wetter bis zum Fuji. Der Garten selbst ist ein entspannter Ort mit exotischen Pflanzen, Blumenbeeten und kleinen Sitzplätzen – perfekt, um kurz durchzuatmen.

Eine kleine Überraschung erwartet Euch in direkter Nachbarschaft zur Enoshima Sea Candle – ein moderner buddhistischer Tempel, der wie frisch aus einer anderen Zeit wirkt – und trotzdem perfekt ins Bild passt. Der Enoshima Daishi, offiziell Saifuku-ji, ist kein Relikt aus Jahrhunderten, sondern ein vergleichsweise junger Bau. Dennoch fühlt er sich nicht fremd an. Vielmehr wirkt er wie eine ruhige Stimme, die zwischen all den Mythen und den Wellen der Insel zu Euch spricht.

Geht Ihr weiter in Richtung Westspitze, erreicht Ihr die Iwaya-Höhlen. Sie sind kühl, dämmrig und von einer geheimnisvollen Stimmung erfüllt. In den Felsnischen stehen kleine Statuen, und am Eingang erfahrt Ihr mehr über die Mythen, die sich um diesen Ort ranken. Der Weg dorthin verläuft entlang einer dramatischen Felsküste, wo bei Ebbe kleine Wasserbecken entstehen, in denen sich Meereslebewesen tummeln. Hinter den Höhlen beginnt ein ruhigerer Inselabschnitt mit schattigen Wegen und mehr Katzen als Menschen – perfekt für einen stillen Spaziergang.

Typisches Essen – frisch, regional und manchmal ein bisschen kurios
Enoshima ohne Shirasu zu probieren? Fast undenkbar. Shirasu, winzige weiße Sardellen, sind hier eine Spezialität. Ihr bekommt sie frisch (nama shirasu), blanchiert (kamaage shirasu) oder getrocknet. Besonders beliebt ist Shirasu-don: Eine Schale Reis, bedeckt mit einer großzügigen Portion Shirasu, dazu Sojasauce, Frühlingszwiebeln und oft ein rohes Ei. Frischer Shirasu ist allerdings saisonabhängig – meist von März bis Dezember – außerhalb dieser Zeit gibt es die blanchierte Variante.

Wir haben uns im Café Madu niedergelassen, wo das Shirasu wirklich sehr lecker war. Und meine nicht Fisch-essende Begleitung konnte hier einen leckeren Crêpe genießen, der ebenfalls superlecker war. Und der Ausblick von dort oben war ebenfalls ein echter Genuss. Von uns gibt es also eine klare Empfehlung für das Café Madu
Neben Shirasu findet Ihr entlang der Nakamise-dori jede Menge Leckereien: gegrillten Tintenfisch am Spieß, Jakobsmuscheln mit Butter, oder Takoyaki, oft mit Shirasu verfeinert. Für die Süßmäuler unter Euch gibt es Taiyaki – fischförmige Waffeln mit süßer Füllung – und Softeis in allen möglichen Geschmacksrichtungen, von Matcha bis Yuzu.

Wer Lust auf eine mutige Kombination hat, kann Softeis mit Shirasu-Topping probieren. Klingt verrückt, schmeckt aber überraschend mild, da die kleinen Fische eher für eine salzige Note sorgen als für Fischgeschmack.

Am schönsten ist es, in einem Restaurant mit Meerblick zu essen. Viele Lokale haben Terrassen, von denen Ihr direkt auf die Bucht schaut. Wenn sich der Himmel am Nachmittag rosa-orange färbt und der Fuji im Hintergrund erscheint, ist das einer dieser Momente, die sich im Kopf einbrennen.

Enoshima Pudding ist eine kleine, süße Spezialität, die viele Besucher der Insel begeistert. Serviert wird er meist in charmanten Gläschen, oft mit einem stilisierten Motiv der Insel oder der Sea Candle auf dem Etikett. Der Pudding hat eine seidige, fast schmelzende Konsistenz und einen reichhaltigen Geschmack, der von hochwertiger Milch und Eiern stammt. Manche Varianten sind mit einer leicht bitteren Karamellschicht verfeinert, andere mit frischer Sahne oder saisonalen Früchten. Besonders an warmen Tagen ist er eine willkommene, erfrischende Leckerei. Viele kaufen ihn nicht nur zum Sofortgenuss, sondern auch als süßes Andenken an ihren Ausflug nach Enoshima.

Geschichte und Mythen – von Drachen, Göttinnen und mutigen Inselbewohnern
Enoshima ist nicht nur eine schöne Insel, sie ist auch ein Ort voller Geschichten. Eine der bekanntesten Legenden erzählt von einem fünfköpfigen Drachen, der einst in der Region lebte. Dieser Drache soll nicht gerade ein freundlicher Zeitgenosse gewesen sein – er verursachte Überschwemmungen, stahl Vorräte und versetzte die Menschen in Angst.

Eines Tages erschien die Göttin Benzaiten auf Enoshima. Sie ist in der japanischen Mythologie eine der wenigen weiblichen Gottheiten, und sie steht für Musik, Weisheit, Glück und Wasser. Der Drache verliebte sich sofort in sie, doch Benzaiten stellte ihn vor eine Entscheidung: Er müsse sein böses Verhalten aufgeben, sonst würde sie ihn für immer abweisen. Der Drache gelobte Besserung, und tatsächlich änderte er sein Verhalten.

Trotzdem nahm Benzaiten seine Liebe nicht an – sie blieb auf Enoshima und segnete das Land, während der Drache reumütig in den Bergen verschwand. Angeblich ist sein Kopf heute als Berg Ryuko sichtbar. Diese Legende prägt das Selbstverständnis der Insel bis heute: Mut, Weisheit und die Bereitschaft, sich zu ändern, werden hier hochgehalten.

Wenn Ihr über die Insel lauft, werdet Ihr an vielen Stellen an diese Geschichte erinnert. Es gibt Drachenstatuen, bemalte Holztäfelchen (ema), auf denen Besucher Wünsche hinterlassen, und kleine Schnitzereien in den Schreinen, die Szenen aus der Legende zeigen. Besonders eindrucksvoll ist es, diese Orte bei Nebel oder im Dämmerlicht zu besuchen – dann wirkt die Insel wie eine Kulisse aus einem Märchenfilm.

Jahreszeiten-Highlights – Enoshima im Wandel
Enoshima ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert, aber je nachdem, wann Ihr kommt, erlebt Ihr die Insel völlig unterschiedlich. Im Frühling blühen überall Kamelien und Kirschbäume, und die Wege zum Schrein sind von zarten Rosa- und Weißtönen gesäumt. Das ist eine wunderbare Zeit für Fotos – und für Spaziergänge ohne Sommerhitze.

Im Sommer locken die Strände der Shōnan-Küste Badegäste an. Zwar gibt es auf Enoshima selbst keinen großen Sandstrand, aber direkt am Festland, gleich bei der Brücke, findet Ihr breite Strände mit Sonnenliegen, Surfern und kleinen Strandbars. In dieser Jahreszeit herrscht auf der Insel Hochbetrieb, besonders an Wochenenden und Feiertagen. Wer nicht gern in großen Menschenmengen unterwegs ist, sollte lieber einen Wochentag wählen.

Der Herbst ist oft die angenehmste Reisezeit. Die Temperaturen sind mild, die Luft klar, und die Herbstfarben setzen schöne Akzente zwischen den Tempelbauten. Im Winter schließlich ist es ruhig – und an klaren Tagen ist der Blick auf den Fuji so scharf, dass er fast unwirklich wirkt. Ein besonderes Highlight ist die Winter-Illumination im Samuel Cocking Garden, wenn hunderttausende Lichter den Sea Candle und die umliegenden Gärten in ein glitzerndes Märchenland verwandeln.

Praktische Tipps – so wird Euer Tag rund
- Bequeme Schuhe sind Pflicht. Die Insel hat viele Treppen, steile Wege und unebene Stellen – Sandalen oder Absatzschuhe werden Euch hier nicht glücklich machen.
- Früh starten lohnt sich doppelt: Ihr meidet die größten Menschenmengen und habt mehr Zeit für alle Stationen.
- Bargeld mitbringen: Viele kleine Läden und Snackstände akzeptieren keine Karten.
- Wetter vorher checken: Bei starkem Regen oder Sturm werden die Iwaya-Höhlen geschlossen, und auch die Küstenwege können rutschig werden.
- Kombination mit Kamakura: Wenn Ihr den Enoshima-Kamakura Freepass* habt, könnt Ihr problemlos beide Orte an einem Tag besuchen – etwa morgens Kamakura und nachmittags Enoshima oder umgekehrt.

Entdecke Enoshima auf einer geführten Tour
Ihr möchtet noch mehr über die Insel erfahren und spezielle Informationen bekommen? Dann bietet sich eine geführte Tour für Euch an. Hier habe ich Euch einige tolle Touren zusammengestellt:
- Shopping und historische Tour auf der Insel Enoshima*
- Shopping & Tempelbesuch Tour auf der Insel Enoshima*
- Kamakura und Enoshima 1-Tages-Bustour*
- Kamakura und Enoshima: Private geführte Tagestour mit Fahrzeug*

Nach dem Inselbesuch – Was gibt es sonst noch in Enoshima zu entdecken?
Falls Ihr nach Eurem Inselrundgang noch Zeit und Lust habt, lohnt sich ein Abstecher ins Enoshima Aquarium (Enosui), das direkt am Festlandende der Brücke liegt (↗ Jetzt Tickets bestellen*). Hier könnt Ihr die Unterwasserwelt der Sagami-Bucht und des Pazifiks aus nächster Nähe erleben. Besonders beeindruckend ist das riesige Hauptbecken mit Haien, Rochen und Schwärmen silberglänzender Fische, die im Sonnenlicht glitzern. Es gibt auch eine Quallenhalle, in der die zarten Tiere in stimmungsvoller Beleuchtung schweben, sowie Vorführungen mit Delfinen und Seehunden. Das Aquarium ist modern gestaltet, informativ und ideal, wenn Ihr etwas Zeit im Trockenen verbringen wollt – oder einfach mehr über die faszinierenden Meeresbewohner erfahren möchtet.

Sehenswert ist auch die Katase-Enoshima Station, der Endbahnhof der Odakyu-Linie. Das Gebäude ist kein gewöhnlicher Bahnhof, sondern im Stil eines orientalischen Palasts gestaltet – mit geschwungenen Dächern, stabilen Säulen und goldenen Details. Besonders bei Sonnenschein leuchtet die Fassade fast schon kitschig schön, und viele Besucher halten hier erst einmal für ein Foto an, bevor sie überhaupt Richtung Insel laufen.

Wenn Ihr Enoshima im Sommer besucht, dann könnt Ihr das zudem ganz wunderbar mit einem Bad im Meer verbinden. Der Strand hier ist einfach wunderbar. Selbst im März hat das Wasser dazu eingeladen, die Schuhe auszuziehen und kurz die Füße darin zu baden.
Übrigens: Wenn Ebbe ist, könnt Ihr mit hochgekrempelten Hosen sogar bis hinüber nach Enoshima waten.
Impressionen von Enoshima
Zum Schluss habe ich Euch noch ein paar Impressionen aus Enoshima zusammengestellt. Denn wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:
Fazit – warum Ihr wiederkommen wollt
Ein Tag auf Enoshima ist wie ein kleines, kompaktes Abenteuer: Ihr habt Meer, Kultur, Geschichte, Natur und kulinarische Entdeckungen – und das alles in Laufweite. Die Insel schafft es, lebendiges Markttreiben und stille Tempelpfade harmonisch zu vereinen. Egal, ob Ihr wegen der Legenden, der Katzen, der Shirasu-Gerichte oder des Fuji-Blicks kommt – es gibt immer mehr zu entdecken, als Ihr erwartet.
Vielleicht werdet Ihr am Ende des Tages müde sein, vielleicht riecht Eure Jacke ein bisschen nach Meer und Grillfeuer, und vielleicht habt Ihr mehr Souvenirs gekauft, als Ihr geplant habt. Aber Ihr werdet auch mit dem Gefühl nach Hause fahren, eine kleine Welt entdeckt zu haben, die so nah an Tokio liegt und doch eine völlig andere Atmosphäre hat. Und das ist der Grund, warum viele, die einmal hier waren, irgendwann zurückkehren – oft schon beim nächsten Aufenthalt in Japan.

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