© 佐野宇久井, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Stellt Euch vor, Ihr steht an einem lauen Sommerabend am Flussufer in Kyoto. Die Sonne ist gerade untergegangen, die letzten Lichtstrahlen färben den Himmel golden. Und plötzlich – wie aus dem Nichts – beginnt ein riesiges Feuerzeichen auf einem der umliegenden Berge zu leuchten. Kurz darauf folgt das nächste, und noch eines, bis schließlich fünf mächtige Feuerbilder die Nacht erhellen. Nein, das ist kein Zufall und auch kein Notfall – es ist das Daimonji-Fest, eines der eindrucksvollsten Sommerereignisse in ganz Japan.
Dieses Festival gehört zum festen Bestandteil des japanischen Kulturkalenders und ist tief in der Geschichte und Spiritualität des Landes verwurzelt. Es findet jedes Jahr am 16. August statt und bildet den feierlichen Abschluss des Obon-Festes – einer Zeit, in der die Seelen der Verstorbenen zurückkehren, um ihre Angehörigen zu besuchen. Das Daimonji markiert ihren Abschied – ein stilles, aber kraftvolles Ritual, das durch seine schlichte Schönheit und emotionale Tiefe beeindruckt.
In diesem Beitrag nehme ich Euch mit auf eine Reise in die Welt der brennenden Schriftzeichen, jahrhundertealten Bräuche und faszinierenden Legenden. Lasst Euch verzaubern – von Kyoto, vom Obon und vom leuchtenden Feuer der Erinnerung.
Was ist das Daimonji-Fest überhaupt?
Das Daimonji-Fest, oder auch Gozan no Okuribi genannt, ist ein traditionelles buddhistisches Ritual, das jedes Jahr am Abend des 16. August in Kyoto stattfindet. Dabei werden auf fünf verschiedenen Bergen rund um die Stadt große Feuerzeichen entfacht – riesige Symbole, die nur aus großer Entfernung vollständig zu erkennen sind. Das bekannteste dieser Zeichen ist das chinesische Schriftzeichen „大“ (dai), das so viel bedeutet wie „groß“.
Aber das Festival ist nicht einfach nur ein Spektakel für die Augen – es hat eine tiefere Bedeutung. Es ist Teil der Obon-Zeit, die in Japan meist Mitte August gefeiert wird. Während dieser Tage glaubt man, dass die Seelen der verstorbenen Angehörigen zur Erde zurückkehren, um ihre Familie zu besuchen. Am Ende der Obon-Zeit hilft das Daimonji-Fest diesen Seelen, wieder ins Jenseits zurückzufinden. Die brennenden Zeichen auf den Bergen sollen ihnen den Weg weisen – eine Art leuchtender Abschiedsgruß.
Die Kombination aus spirituellem Hintergrund, eindrucksvoller Naturkulisse und jahrhundertealter Tradition macht dieses Festival zu einem einzigartigen Erlebnis – für Einheimische wie für Reisende.
Die fünf Feuerzeichen – was brennt da eigentlich?
Die fünf Feuerzeichen, die beim Daimonji-Fest entzündet werden, sind allesamt riesige Konstruktionen, die mit präziser Planung und Tradition auf ihren jeweiligen Bergen vorbereitet werden.
- Daimonji (大): Das erste und berühmteste Feuer, das auf dem Nyoigatake im Bezirk Higashiyama entzündet wird. Dieses riesige Zeichen besteht aus drei Strichen, die 80 Meter, 160 Meter und 120 Meter lang sind.
- Myōhō (妙法): Dieses Zeichen leuchtet auf zwei benachbarten Bergen: Matsugasaki und Nishi-yama/Higashi-yama. Diese Zeichen stehen für das “wundersame Dharma” oder die Lehren des Buddha. Das Myō-Zeichen (妙) wird zuerst beleuchtet, gefolgt von Hō (法).
- Funagata (舟形): Dieses Feuer hat die Form eines Bootes und wird in Nishigamo, Funa-yama, entzündet. Es ist beeindruckende 130 Meter hoch und 200 Meter breit. Unglaublich, oder?
- Hidari Daimonji (左大文字): Ein weiteres “großes” Zeichen, das nördlich des Goldenen Pavillons auf Daimonji-san entzündet wird.
- Toriigata (鳥居形): Das letzte Feuer, das die Form eines Torii (Schrein-Tor) hat, wird auf dem Mandara-san entzündet. Es ist 76 Meter hoch und 72 Meter breit.
Die Feuer erscheinen in einer bestimmten Reihenfolge, etwa alle fünf Minuten beginnend um 20 Uhr. Innerhalb von 20 bis 30 Minuten brennen schließlich alle fünf Zeichen gleichzeitig und leuchten hell über Kyoto.

Wie laufen die Vorbereitungen ab?
Was viele Besucher vielleicht nicht wissen: Die Vorbereitungen für das Daimonji-Fest laufen schon viele Wochen vorher an. Die Feuerstellen auf den Bergen werden sorgfältig gereinigt und in Stand gesetzt. Lokale Freiwillige, meist aus bestimmten traditionellen Familien oder Gemeindegruppen, kümmern sich um den Aufbau und die Organisation – ein Ehrenamt, das oft von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitungen sind die sogenannten Gomagi – kleine Holztafeln, meist aus Zedernholz, auf die Menschen ihre Gebete, Wünsche oder die Namen verstorbener Angehöriger schreiben. Diese Gomagi werden dann in die Feuer integriert und mit verbrannt. Es ist ein ritueller Akt des Loslassens – und gleichzeitig eine Möglichkeit, persönliche Botschaften auf symbolische Weise ins Jenseits zu schicken.
Auch die Holzbündel für die Feuer werden sorgfältig vorbereitet. Die Zahl und Anordnung der Feuerstellen – oft über hundert pro Zeichen – folgt einem festen Schema, damit die Symbole aus der Ferne gut erkennbar sind. Alles muss reibungslos ablaufen, denn wenn die Feuer einmal brennen, gibt es kein Zurück mehr.
Übrigens kann man die “kahlen Stellen”, an denen im August die Zeichen brennen, das ganze Jahr über im Stadtbild erkennen. Also haltet bei Eurem nächsten Besuch in Kyoto doch mal die Augen offen.
Den Daimonjiyama könnt Ihr zudem auch das ganze Jahr über wunderbar erwandern*. Für alle, die nach alle der Stadt etwas Lust auf Natur haben

Die spirituelle Bedeutung – mehr als ein Lichtspektakel
Das Daimonji-Fest ist weit mehr als nur eine spektakuläre Lichtshow. Es ist ein tief verwurzeltes Ritual, das emotionale, religiöse und gesellschaftliche Elemente miteinander verbindet. Im Zentrum steht der Gedanke des Abschieds – aber nicht im traurigen Sinn, sondern als würdevoller Akt des Loslassens.
In der japanischen Kultur spielt die Beziehung zu den Ahnen eine wichtige Rolle. Man glaubt, dass die Seelen der Verstorbenen nicht einfach verschwinden, sondern weiterhin präsent sind – als stille Begleiter im Alltag, als Beschützer, als Teil der Familie. Das Daimonji-Fest symbolisiert diese Verbindung. Es zeigt: Wir denken an Euch. Wir lassen Euch in Frieden gehen. Und wir danken Euch für alles.
Auch wenn Ihr selbst keinen Bezug zu Obon oder zu japanischen Bräuchen habt – die Atmosphäre während des Festes ist so besonders, dass man sich automatisch berührt fühlt. Es ist ein stilles, aber eindrucksvolles Zeichen für die universellen Themen des Lebens: Erinnerung, Liebe und Abschied.
© Hasegawa; Sadanobu (I) , Hasegawa died 1874; Wataya Kihei Sadanobu (I), Public domain, via Wikimedia Commons
Wann und wo passiert was? – Der Ablauf des Abends
Das Festival beginnt punktgenau um 20:00 Uhr – und zwar mit dem ersten Feuer auf dem Daimonji-yama. Dieses große Zeichen „大“ ist nicht nur das bekannteste, sondern auch das erste, das entzündet wird. Die Reihenfolge der Feuer folgt einem festen Zeitplan: Etwa alle fünf bis zehn Minuten wird ein weiteres Zeichen zum Leben erweckt, bis schließlich alle fünf Feuer gleichzeitig brennen. Gegen 20:30 Uhr leuchtet Kyoto dann im vollen Glanz der brennenden Berge.
Die Zeichen sind jeweils nur für etwa 30 Minuten sichtbar, da die Feuer relativ schnell herunterbrennen. Aber das reicht vollkommen, um die Szene tief in die Erinnerung einzugraben. Viele Einheimische bringen kleine Picknickdecken mit, setzen sich gemütlich ans Flussufer und genießen die Atmosphäre in aller Ruhe. Es wird nicht gefeiert im herkömmlichen Sinne – es gibt keine Feuerwerkskörper, keine Lautsprecher, keine Menschenmengen in Partylaune. Stattdessen herrscht eine ruhige, fast ehrfürchtige Stimmung, die der spirituellen Bedeutung des Festes gerecht wird.
Für Euch als Besucher heißt das: Pünktlichkeit ist alles. Wer erst um kurz nach acht auftaucht, verpasst unter Umständen das erste Feuer – und das wäre wirklich schade!
Die besten Aussichtspunkte – wo Ihr das Feuer wirklich sehen könnt
Wenn Ihr das Daimonji-Fest live miterleben wollt, dann stellt sich natürlich die Frage: Wo hat man den besten Blick auf die brennenden Zeichen? Die Antwort hängt ein bisschen davon ab, welches Feuerzeichen Ihr sehen möchtet – denn nicht alle sind von jedem Ort aus sichtbar.
Für das klassische „大“-Zeichen ist das Kamogawa-Flussufer zwischen der Sanjo- und Imadegawa-Brücke ein beliebter Spot. Dort sammeln sich viele Menschen schon ab dem späten Nachmittag, um sich einen guten Platz zu sichern. Wer es etwas ruhiger mag, kann es mal an der Takano-Brücke, der Matsuobashi oder im Bereich Kitayama-dori versuchen.
Wenn Ihr möglichst viele Feuerzeichen auf einmal sehen wollt, dann lohnen sich erhöhte Aussichtspunkte – zum Beispiel in den oberen Stockwerken bestimmter Hotels oder auf den Hügeln in Arashiyama oder Higashiyama. Manche Hotels* bieten sogar spezielle „Feuerblick-Dinner“ an, bei denen man mit einem Glas Sake in der Hand dem Schauspiel zuschauen kann – allerdings solltet Ihr Euch dafür wirklich rechtzeitig um eine Reservierung kümmern.
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Traditionelle Rituale und Aberglauben – von Auberginen und Sake
Rund um das Daimonji-Fest ranken sich einige spannende Rituale und Aberglauben – wie so oft in Japan eine Mischung aus buddhistischen Lehren und volkstümlichen Überlieferungen. Besonders beliebt ist zum Beispiel der Brauch, das Feuer durch ein Loch in einer Aubergine zu betrachten. Warum? Man sagt, wer das Feuer durch die Aubergine sieht, bleibt das ganze Jahr über von Augenkrankheiten verschont.
Ein anderer Aberglaube betrifft Wasser: Wenn man die Spiegelung des Feuers in einem Glas Wasser einfängt, soll das vor Lähmungen schützen. Wer die Spiegelung im Sake betrachtet, bleibt angeblich von allgemeinen Krankheiten verschont. Und wer sich ein Stück Kohle von einem der Feuer mitnimmt – natürlich erst, wenn alles erloschen ist – soll im kommenden Jahr Glück haben.
Natürlich nimmt das nicht jeder wortwörtlich, aber die Bräuche zeigen, wie sehr das Festival im Alltagsglauben verankert ist. Die Menschen verbinden das Daimonji nicht nur mit Spiritualität, sondern auch mit dem Wunsch nach Gesundheit, Glück und Schutz – und das auf ganz individuelle Weise.
Die Rolle der Gemeinschaft – Ehrenamt mit Herz und Flamme
Was das Daimonji-Fest so besonders macht, ist auch der starke Bezug zur lokalen Gemeinschaft. Die Durchführung der Feuer wird nicht etwa von einer großen Eventagentur organisiert – nein, sie liegt in den Händen bestimmter Familien und Anwohner, die diese Aufgabe oft seit Generationen weitergeben. In manchen Stadtteilen gelten diese Rollen sogar als eine Art Erbe – mit großem Stolz, aber auch viel Verantwortung.
Schon Wochen vorher beginnen die Mitglieder dieser Gruppen mit den Vorbereitungen. Das Gelände muss gerodet, Holz organisiert und die Feuerstellen markiert werden. Die genaue Anordnung der Feuerschalen folgt einem alten Muster, das genau eingehalten werden muss, damit die Zeichen von weitem gut erkennbar sind.
Am Tag des Festivals selbst treffen sich die Beteiligten bereits am Morgen in den Bergen. Sie überprüfen die Aufbauten, verteilen das Holz und platzieren die Gomagi, also die mit Wünschen beschrifteten Holzstäbchen, an den vorgesehenen Stellen. Wenn dann der Moment des Entzündens gekommen ist, arbeiten alle Hand in Hand – ruhig, konzentriert, fast feierlich.
Diese tiefe Verwurzelung in der Nachbarschaft macht das Festival zu etwas Echtem – kein touristischer Zirkus, sondern gelebte Tradition.
Wie wirkt es, dabei zu sein? – Ein ganz persönliches Erlebnis
Wenn Ihr zum ersten Mal beim Daimonji-Fest dabei seid, wird Euch wahrscheinlich eines besonders auffallen: die Stille. Trotz der Menschenmengen, trotz der Hitze des Augusts, trotz der Größe des Ereignisses – es ist ruhig. Es wird kaum gesprochen, viele stehen oder sitzen einfach da und schauen in den Himmel. Manche falten die Hände. Andere lassen Tränen über die Wangen laufen.
Das Daimonji-Fest ist kein Spektakel, bei dem man wild applaudiert oder „Wow!“ ruft. Es ist ein Moment der Besinnung – ein Innehalten, bei dem jeder in Gedanken vielleicht bei einem geliebten Menschen ist, den er verloren hat. Oder bei sich selbst.
Ihr müsst nicht religiös sein, um dieses Gefühl zu spüren. Es reicht, dort zu stehen, das brennende Zeichen zu sehen und den Abend auf Euch wirken zu lassen. Vielleicht ist es die Kombination aus Natur, Licht und Stille. Vielleicht ist es die kollektive Energie der Menschen, die gemeinsam Abschied nehmen. Oder vielleicht ist es einfach nur Kyoto, das an diesem Abend zeigt, wie viel Schönheit in der Vergänglichkeit liegt.
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Essen, Trinken, Mitnehmen – Was gehört zum Erlebnis dazu?
Auch wenn das Daimonji-Fest kein klassisches Straßenfest ist, kommt Ihr nicht ganz ohne Kulinarik aus. Entlang des Kamogawa und in den umliegenden Straßen gibt es kleine Essensstände oder Cafés, die sich auf den Abend einstellen. Besonders beliebt sind Yakitori (Hähnchenspieße), Okonomiyaki (herzhafte Pfannkuchen) oder ein erfrischendes Kakigori (Eisraspel mit Sirup) – perfekt gegen die Hitze.
Einige Tempel oder Läden verkaufen außerdem Souvenirs, die mit dem Fest in Verbindung stehen: kleine Fächer mit dem „大“-Symbol, Poster mit Feuerzeichen, kleine Holztafeln mit Glücksformeln oder – ganz klassisch – getrocknete Stücke vom verwendeten Feuerholz, das als Schutzamulett gelten soll.
Wer das Ganze stilvoll angehen möchte, bucht einen Platz auf einem der Dächer der Innenstadt oder in einem der Flussrestaurants mit Blick auf die Berge – viele bieten extra Menüs zum Daimonji-Abend an. Aber Vorsicht: Diese Plätze sind begehrt und oft Wochen im Voraus ausgebucht.
Von oben herab – Die beste Aussicht auf das Flammenmeer
Wer das Daimonji-Festival in seiner vollen Pracht erleben möchte, sollte sich gut überlegen, von wo aus er das Spektakel beobachten will. Denn obwohl die brennenden Schriftzeichen an den Bergen rund um Kyoto ziemlich groß sind, verschwinden sie bei falscher Perspektive schnell hinter Gebäuden oder Bäumen. Beliebte Aussichtspunkte gibt es zum Glück reichlich – aber man muss sich rechtzeitig auf den Weg machen, denn natürlich sind diese Orte an diesem Abend sehr gefragt.
Eine der besten Aussichten habt Ihr direkt vom Ufer des Kamogawa-Flusses. Besonders rund um die Demachiyanagi-Brücke oder am Nordende der Sanjo-Straße lässt sich das zentrale „Dai“-Zeichen auf dem Higashiyama bestens erkennen. Viele Familien und Gruppen breiten hier Picknickdecken aus, bringen Bento-Boxen oder Snacks mit und verbringen den Abend in geselliger Runde – bis um Punkt 20 Uhr die Flammen auflodern. Auch von den Hügeln der Nordseite Kyotos, wie dem Funaokayama Park oder sogar vom Kyoto Imperial Palace Park aus, könnt Ihr mehrere Zeichen gleichzeitig erkennen – ein atemberaubender Anblick! Wer es bequemer mag, kann auch eines der höher gelegenen Hotels oder Restaurants mit Aussicht aufs Geschehen wählen – aber auch hier solltet Ihr unbedingt reservieren.
Das spirituelle Herz der Flammen – Was steckt hinter dem Gozan no Okuribi?
Hinter den brennenden Schriftzeichen des Daimonji-Festivals steckt mehr als nur ein schöner Anblick. Das Ereignis ist tief in der japanischen Spiritualität verwurzelt und bildet den symbolischen Abschluss des Obon-Festes. Während der Obon-Woche kehren laut Tradition die Seelen der Verstorbenen in die Welt der Lebenden zurück – ein Anlass, an dem viele Japaner ihre Familiengräber besuchen und ihrer Ahnen gedenken. Das Gozan no Okuribi dient dann dazu, diese Seelen wieder in ihre Welt zurückzubegleiten. Die Feuer sollen ihnen den Weg weisen und symbolisieren zugleich einen würdigen Abschied.
Man kann es sich vorstellen wie eine feierliche Lichterprozession – nur dass sie nicht auf Straßen stattfindet, sondern an den Bergen in alle Richtungen sichtbar ist. Dabei hat jedes der fünf Feuerzeichen seine eigene Bedeutung und wird von einer bestimmten lokalen Gemeinde vorbereitet. Die „Dai“-Zeichen stehen zum Beispiel für „groß“ oder „Großer Buddha“, das Torii erinnert an den Übergang ins Göttliche, und das Boot steht symbolisch für die Reise der Seelen in eine andere Welt. Diese spirituelle Tiefe verleiht dem Festival eine ganz besondere Atmosphäre – feierlich, aber nicht traurig. Es ist ein Moment der Stille, der Erinnerung und der Dankbarkeit.
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Vorbereitung und Tradition – Wer steckt hinter den brennenden Zeichen?
Dass die riesigen Schriftzeichen zur gleichen Zeit perfekt brennen, ist kein Zufall. Jedes der fünf Symbole wird von einer eigenen Gruppe, meist bestehend aus lokalen Freiwilligen, Gemeindemitgliedern und Tempelverantwortlichen, vorbereitet und betreut. Diese Gruppen haben eine lange Tradition – manche organisieren das Spektakel seit vielen Generationen. Die Vorbereitungen beginnen Wochen im Voraus: Die Pfade auf den Bergen müssen freigeschnitten werden, Holz wird zurechtgesägt und gestapelt, und nicht zuletzt muss jedes Feuerzeichen genau markiert und geplant werden.
Am Abend selbst ist das Ganze ein logistisches Meisterwerk. Die Helfer – oft in traditionellen Happi-Jacken gekleidet – tragen das Brennmaterial zu den vorbereiteten Stellen. Dann wird alles gleichmäßig verteilt, damit die Zeichen aus der Ferne klar zu erkennen sind. Um Punkt 20 Uhr wird das erste Feuer entfacht, gefolgt von den weiteren in exakt getakteter Reihenfolge. Diese minutiöse Planung sorgt dafür, dass das Festival seinen majestätischen Charakter beibehält. Trotz der Menschenmassen, der Hitze und des flackernden Feuers herrscht auf den Bergen eine konzentrierte, fast ehrfürchtige Stille. Die Beteiligten wissen: Sie sind Teil eines spirituellen Rituals, das weit über den Moment hinaus Bedeutung hat.
Auch abseits des Feuers: Was man rund um das Daimonji-Fest in Kyoto erleben kann
Wenn Ihr im August zum Daimonji-Fest in Kyoto seid, lohnt es sich, mehr als nur den Abend des 16. August mitzunehmen. Denn die Stadt ist auch davor und danach voller kleiner Ereignisse, die sich lohnen. Viele Tempel bieten im Rahmen des Obon-Festes Sonderveranstaltungen an – etwa Laternenzeremonien, Gedenkgebete oder geführte Nachtführungen durch die Tempelgärten. Besonders empfehlenswert sind der Chion-in-Tempel und der Shōren-in-Tempel, die beide für ihre eindrucksvollen Beleuchtungen bekannt sind.
Zudem könnt Ihr in der Woche rund um das Daimonji-Festival spezielle regionale Köstlichkeiten probieren – etwa gegrillten Fisch am Spieß oder die berühmten „Obon-Süßigkeiten“, die man oft auf Märkten rund um Tempelanlagen findet. Und wer einmal sehen möchte, wie man in Kyoto die Ahnen wirklich ehrt, sollte einen Blick in den berühmten Okazaki-Schrein werfen, wo während Obon viele Einheimische ihre Gebete sprechen. Auch eine Bootsfahrt auf dem Fluss Kamo bei Nacht hat einen ganz besonderen Reiz – besonders, wenn sich das letzte Abendlicht auf dem Wasser spiegelt und die Laternen der Stadt zu leuchten beginnen. Diese Mischung aus Tradition, Spiritualität und sommerlicher Lebensfreude macht die Tage rund ums Festival zu einer unvergesslichen Reisezeit.
Kyoto während des Daimonji – eine Stadt im Ausnahmezustand
Wer das Daimonji-Festival erlebt, spürt deutlich, wie sehr es den Rhythmus der Stadt verändert. Schon am frühen Morgen ist die Atmosphäre anders als sonst. Es herrscht eine gewisse Spannung in der Luft, ein erwartungsvolles Flirren, das sich wie ein unsichtbarer Strom durch die Gassen zieht. Menschen in Yukata strömen Richtung Flussufer, zu Aussichtspunkten, Tempeln und Bergen. Fast scheint es, als würde ganz Kyoto für diesen einen Abend innehalten. Und tatsächlich: Viele Geschäfte schließen früher, der Verkehr wird teilweise umgeleitet, und auch die Tempel bereiten sich auf das große Ritual vor.
Es ist fast unmöglich, sich dem zu entziehen. Selbst wenn man zufällig zu dieser Zeit in Kyoto ist, wird man von der Feierlichkeit und Bedeutung dieses Tages mitgerissen. Die sonst so geschäftige Stadt wirkt fast kontemplativ – so, als wüsste sie genau, was sie tut: innehalten, erinnern, verabschieden.
Wenn Ihr den Gozan no Okuribi erlebt, erlebt Ihr auch Kyoto auf eine besondere Weise – melancholischer, würdevoller, aber auch warm und verbindend. Es ist nicht nur ein touristisches Ereignis, sondern ein kollektiver Moment der Stille, der viele Herzen erreicht.
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Tipps für den perfekten Festivalabend
Wenn Ihr das Daimonji-Festival erleben möchtet, empfiehlt es sich, bereits am frühen Nachmittag auf Erkundungstour zu gehen. Die Stadt bereitet sich vor, viele Cafés bieten saisonale Spezialitäten an, es gibt kleine Gedenk-Altäre und Räucherstäbchenverkäufer an jeder Ecke. Nehmt Euch unbedingt eine Picknickdecke oder ein Sitzkissen mit, denn die besten Plätze entlang des Kamogawa-Flusses sind schnell belegt.
Außerdem hilfreich: eine kleine Taschenlampe, Wasser, Mückenschutz und eventuell ein Fächer – es ist August, und es kann trotz Abenddämmerung noch drückend heiß sein. Wer ein Fernglas oder eine Kamera mit gutem Zoom dabeihat, kann die Flammenzeichen in eindrucksvoller Klarheit einfangen. Achtet aber darauf, Rücksicht auf andere Zuschauer zu nehmen – es ist ein ruhiges, fast feierliches Ereignis, das sich nicht gut mit Blitzlicht oder Selfiesticks verträgt.
Auch spannend: Die Einheimischen wissen genau, wo man was sieht. Wenn Ihr Euch an Euren Unterkunftsanbieter wendet oder mit Leuten ins Gespräch kommt, könnt Ihr tolle, manchmal ganz geheime Aussichtspunkte entdecken, die nicht in jedem Reiseführer* stehen.
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Spirituelle Bedeutung und moderne Wahrnehmung
Für viele Menschen in Kyoto – und auch für viele Besucher – ist das Daimonji-Festival mehr als nur ein schöner Abend. Es ist ein Moment der Besinnung. In einer Welt, die oft sehr schnell ist, voller Eindrücke, Informationen und Hektik, bietet dieses Ritual einen ruhigen Gegenpol. Es zwingt dazu, stillzustehen, hinzusehen – im doppelten Sinne. Man schaut auf die Berge, aber auch in sich selbst.
In einer zunehmend säkularen Gesellschaft ist es umso faszinierender, wie sehr dieses alte, religiös verwurzelte Ritual auch heute noch berührt. Junge Menschen zünden Kerzen für ihre Großeltern an, Touristen schweigen ehrfürchtig beim Anblick der lodernden Zeichen, und selbst Kinder scheinen zu spüren, dass dieser Moment irgendwie besonders ist.
Vielleicht ist es genau das, was Kyoto so besonders macht: Die Fähigkeit, Tradition lebendig zu halten, ohne sie zum Museum zu machen. Das Daimonji ist dafür ein wunderschönes Beispiel. Es ist alt – und gleichzeitig gegenwärtig. Es ist spirituell – und dennoch offen für alle. Es ist leise – und dennoch tief bewegend.
Fazit – Das Daimonji-Festival: Ein leuchtender Abschied
Wenn Ihr im August in Kyoto seid, solltet Ihr Euch das Daimonji-Festival auf keinen Fall entgehen lassen. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen eine ganze Stadt kollektiv innehält, sich erinnert, Abschied nimmt – und gleichzeitig in beeindruckender Schönheit erstrahlt. Die fünf Feuerzeichen sind nicht nur ein Ritual, sie sind auch ein Sinnbild für die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, von Diesseits und Jenseits, von Gemeinschaft und Individualität.
Für Reisende bietet sich hier die Möglichkeit, Kyoto von einer sehr persönlichen, sehr stillen Seite kennenzulernen. Es ist kein lautes Spektakel mit Musik und Konfetti. Es ist ein Moment zum Atmen, zum Spüren, zum Loslassen. Und vielleicht, ganz vielleicht, nehmt Ihr aus dieser Nacht ein kleines bisschen von der japanischen Gelassenheit mit nach Hause.
Wer schon einmal dort war, weiß: Dieses Festival lässt einen nicht so schnell los. Es bleibt – wie der Nachglanz eines flackernden Feuers – noch lange im Herzen.
© 佐野宇久井, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
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