Gohan – Ein Kochbuch mit Geschichte(n)
Wenn man an japanische Küche denkt, ploppen im Kopf oft die großen, glänzenden Bilder auf: ein Sushi-Meister, der in akribischer Präzision winzige Fischscheiben schneidet; eine dampfende Schale Ramen, die aussieht wie aus einem Food-Magazin; Bento-Boxen, die so perfekt arrangiert sind, dass man sich kaum traut, sie zu essen. All das ist unbestreitbar faszinierend – aber es ist nicht das, was in den meisten japanischen Haushalten Tag für Tag gekocht wird. Genau hier kommt „Gohan“ ins Spiel. Das Buch nimmt diesen großen Begriff „japanische Küche“ und bringt ihn auf eine menschliche, zugängliche Ebene herunter.
Beim ersten Durchblättern fällt auf: Es will kein Prestigeobjekt sein, das man ins Regal stellt und abstaubt. Stattdessen ist es ein echtes Arbeitsbuch für den Alltag, ohne komplizierte Einkaufslisten oder stundenlange Vorbereitung. Das Besondere ist, dass es den Blick nicht nur auf das fertige Gericht richtet, sondern auf die Atmosphäre drumherum: den Duft, wenn der Reis im Topf köchelt, das Geräusch von Gemüse, das im heißen Öl zischt, die kleine Pause, wenn man den ersten Bissen nimmt. Das Buch ist damit nicht nur eine Sammlung von Rezepten, sondern eine Einladung, Kochen als Moment der Ruhe und Verbundenheit zu sehen – selbst, wenn man an einem Mittwochabend zwischen Arbeit und Wäsche nur 20 Minuten Zeit hat.
- Veröffentlicht: 29. August 2024
- Verlag: ars vivendi Verlag
- ISBN: 3747206204 | 978-3747206201
- Jetzt bestellen: Amazon*

Titel mit Bedeutung
„Gohan“ ist im Japanischen ein Wort mit erstaunlicher Vielschichtigkeit. Auf den ersten Blick heißt es „gekochter Reis“. Doch wer die japanische Esskultur kennt, weiß: Reis ist dort nicht nur eine Beilage, er ist das Herzstück der Mahlzeit. In vielen Haushalten ist „Gohan“ gleichbedeutend mit „Essen“ überhaupt. Fragt man in Japan: „Hast du schon Gohan gegessen?“, bedeutet das im Grunde: „Hast du schon gegessen?“ – nicht „Hast du schon Reis gegessen?“.
Diese doppelte Bedeutung spiegelt sich im Buch wider. Der Titel ist nicht zufällig gewählt, sondern ein Versprechen: Hier geht es um mehr als reine Rezepte. Es geht um Essen als Ritual, um Gemeinschaft, um das kleine Glück, das in einer dampfenden Schüssel Reis steckt. Die Autorin zeigt, dass ein „Gohan“ nicht perfekt gestylt oder spektakulär sein muss. Es reicht, wenn es nährt – den Körper und, im besten Fall, auch die Seele.
Gerade in einer Zeit, in der Kochen oft zu einer Art Lifestyle-Event hochstilisiert wird, ist diese Haltung erfrischend. „Gohan“ erinnert daran, dass gutes Essen nicht zwingend eine lange Zutatenliste braucht. Oft genügen Reis, ein Ei, etwas Sojasauce – und der Wille, sich einen Moment Zeit dafür zu nehmen.

Wie das Buch aufgebaut ist
Schon das erste Durchblättern macht Spaß. Statt von null auf hundert in exotische Spezialitäten zu springen, beginnt das Buch mit den wichtigsten Zutaten: Sojasauce, Miso, Mirin, ein paar getrocknete Algen – alles wird kurz erklärt, ohne Fachchinesisch (oder in diesem Fall Fachjapanisch). Und das Gute daran – die meisten japanischen Zutaten bekommt man problemlos im Asia-Laden oder bei Amazon*. Und alles andere, das für die Rezepte benötigt wird, gibt es im normalen Supermarkt zu kaufen.
Danach geht es Schritt für Schritt durch verschiedene Lebenslagen in der Küche:
- selbstgemachte Vorräte – eigelegtes Gemüse, leckere Saucen und vieles mehr, das für die Rezepte benötigt wird
- Japanisches Frühstück – schnelle, einfache Rezepte, die perfekt in den Tag starten lassen
- Reisgerichte – vom absoluten Minimalismus (Ei auf heißem Reis) bis zu aromatischen Variationen mit Gemüse, Fisch oder Fleisch.
- Gemüsegerichte – kleine Teller, die sich perfekt kombinieren lassen, typisch japanisch eben
- Nudeln & Streetfood – Udon, Soba, Ramen in ihrer unkomplizierten Form.
- Unsere Lieblingsgerichte – Rezepte, die die Japaner lieben, von Sukiyaki bis zu japanischem Kartoffelsalat
- Der Westen trifft Japan – ein bunter Rezeptemix – von Omu-Reis über Curry bis zum japanischen Milchbrot
- Süßes – Desserts, die dezent süß sind und perfekt zu einer Tasse Matcha-Tee passen.
Jedes Kapitel ist so aufgebaut, dass ihr direkt loslegen könnt, ohne drei Stunden einkaufen zu müssen.

Der Ton macht’s
Was „Gohan“ sofort sympathisch macht, ist die Art, wie es geschrieben ist. Man blättert nicht einfach von Rezept zu Rezept, sondern bekommt das Gefühl, am Küchentisch der Autorin zu sitzen. Sie schreibt nicht belehrend, sondern erzählend. Es gibt keine distanzierte Fachsprache, sondern kleine Geschichten, Erinnerungen und Tipps, die fast beiläufig wirken – aber genau das sind, was den Rezepten Leben einhaucht.
Zum Beispiel erzählt sie, warum ein bestimmtes Gericht für sie wichtig ist, oder wie es in ihrer Familie gegessen wurde. Manchmal sind es winzige Beobachtungen – etwa, wie der Duft von frisch gekochtem Reis an die Kindheit erinnert –, die sofort Bilder im Kopf entstehen lassen. Auch praktische Hinweise sind nie trocken, sondern immer so formuliert, dass man Lust bekommt, es einfach auszuprobieren.
Dieser Tonfall ist besonders wertvoll für alle, die vielleicht ein wenig Respekt vor „fremden“ Küchen haben. Statt strenger Anweisungen gibt es Ermutigung. Statt „so muss man das machen“ eher ein „so kannst du es machen – und wenn du keine Zutat X hast, probiere es mit Y“. Damit wirkt das Buch wie ein Kochkurs bei einer guten Freundin, die nicht nur Rezepte weitergibt, sondern auch ein Stück Lebensgefühl.

Rezepte, die in Erinnerung bleiben
Ein paar Gerichte aus „Gohan“ bleiben sofort hängen – nicht, weil sie aufwendig wären, sondern weil sie so einfach und clever sind, dass man sich fragt, warum man sie nicht längst selbst gemacht hat. Da wäre zum Beispiel Tamago no Gohan: eine dampfende Schale Reis, darauf ein frisches Ei, ein Spritzer Sojasauce – und fertig. Klingt unspektakulär? Der Trick liegt im Timing: Der Reis muss noch so heiß sein, dass das Ei leicht stockt, aber trotzdem cremig bleibt.
Oder die Miso-Suppe in Variationen: Klar, Miso-Suppe kennt jeder, aber hier bekommt sie neue Gesichter – mit saisonalem Gemüse, gebratenen Pilzen oder einem Hauch Ingwer für kalte Tage.
Ein anderes Beispiel ist Yakisoba: gebratene Nudeln mit Gemüse und Fleisch oder Tofu. Im Buch gibt es Tipps, wie man auch Reste vom Vortag dafür nutzen kann – nachhaltig und praktisch zugleich.
Besonders charmant finde ich, dass diese Rezepte nicht nur funktionieren, sondern auch Raum für Improvisation lassen. Wer keinen Daikon-Rettich findet, nimmt eben Karotten. Wer statt Soba lieber Udon mag, tauscht einfach aus. Das macht die Gerichte flexibel und alltagstauglich – und genau deshalb bleiben sie im Kopf.

Optik & Haptik
„Gohan“ ist ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt. Das Hardcover wirkt robust, ohne schwer zu sein, und das Papier hat eine angenehme Haptik – nicht zu glatt, sodass man keine Angst haben muss, dass es sofort Flecken zieht, aber auch nicht so rau, dass es billig wirkt.
Die Fotos sind bewusst ungekünstelt. Hier gibt es keine hyperstylischen Food-Inszenierungen mit perfekt platzierten Sesamsamen und gezupften Kräutern. Stattdessen zeigen die Bilder Gerichte so, wie man sie tatsächlich auf den Tisch stellen würde. Das vermittelt Authentizität und nimmt den Druck raus, alles „perfekt“ hinzubekommen.
Das Layout ist klar und luftig, ohne überladen zu wirken. Die Kapitel sind gut strukturiert, mit kleinen Info-Kästen, die Zutaten oder Techniken erklären. Farblich dominiert ein warmes, natürliches Spektrum, das perfekt zur Thematik passt: Erdtöne, sanfte Kontraste, viel Weißraum, der die Gerichte für sich sprechen lässt.
All das sorgt dafür, dass „Gohan“ nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ein Buch ist, das man gerne offen auf der Arbeitsfläche liegen lässt – und das auch nach ein paar Spritzern Sojasauce noch gut aussieht.

Fazit – nicht einfach nur ein Kochbuch
Am Ende ist „Gohan“ für mich nicht einfach ein Kochbuch. Es ist eine Einladung, sich vom Stress der perfekt inszenierten Food-Welt zu verabschieden und wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: gutes Essen, das Freude macht. Die Rezepte sind so gestaltet, dass sie sowohl Anfänger als auch erfahrene Hobbyköche glücklich machen. Man braucht keine teure Ausstattung, keine stundenlangen Vorbereitungen und kein komplettes japanisches Wörterbuch für Zutatenlisten.
Das Buch zeigt, dass japanische Küche nicht nur in schicken Restaurants lebt, sondern im Alltag – in der Schüssel Reis am Morgen, im Teller Nudeln am Abend, im kleinen Teller eingelegten Gemüses zwischendurch. Es ist ein Buch, das sich nicht in Perfektion verliert, sondern im Machbaren glänzt.
Wenn ihr ein Kochbuch sucht, das warmherzig, praktisch und gleichzeitig kulturell bereichernd ist, dann ist „Gohan“ ein Volltreffer. Es hat das Potenzial, nicht nur im Regal zu stehen, sondern auf Dauer einen festen Platz auf eurer Küchenarbeitsfläche zu bekommen – direkt neben dem Reiskocher.
Übrigens habe ich Euch auch schon weitere tolle Bücher zusammengestellt, die vielleicht auch interessant für euch sind.

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