Wer an die Insel Miyajima denkt, hat meist sofort das berühmte „schwebende“ Torii im Kopf. Es ist das Wahrzeichen Japans schlechthin, das bei Flut majestätisch aus den Wellen des Seto-Binnenmeeres ragt und tausende Besucher aus aller Welt in seinen Bann zieht. Doch während sich die Massen am Ufer für das perfekte Foto drängeln und die zahmen Rehe in der Nähe der Souvenirstände füttern, wartet nur einen kurzen Spaziergang entfernt, am bewaldeten Fuße des heiligen Berges Misen, ein Ort auf euch, der die Seele der Insel weitaus tiefer einfängt.
Der Daishoin-Tempel ist das spirituelle Gegengewicht zum glanzvollen Itsukushima-Schrein. Während unten am Wasser die Pracht und die Weite dominieren, empfängt euch hier oben eine Welt voller Details, Mystik und einer fast schon spielerischen Spiritualität. Es ist ein Ort, an dem sich die Natur den Raum mit jahrhundertealter Architektur teilt und an dem jeder Winkel eine neue Geschichte erzählt.
Ob ihr nun auf der Suche nach innerer Einkehr seid, die japanische Tempelarchitektur liebt oder einfach nur den Touristenströmen für einen Moment entfliehen wollt – der Daishoin wird euch mit einer Atmosphäre verzaubern, die ihr so schnell nicht vergesst. Packt eure Kamera und eure bequemsten Schuhe ein – wir nehmen euch mit auf einen Rundgang durch dieses magische Areal, das für viele das wahre Highlight von Miyajima darstellt.
- Adresse: 210 Miyajimacho, Hatsukaichi, Hiroshima 739-0588
- Öffnungszeiten: Täglich 8:00-17:00 Uhr
- Eintritt: Der Besuch des Tempels ist kostenlos
- Weitere Informationen: daisho-in.com

Ein Blick in die Geschichte: Wo Legenden lebendig werden
Bevor ihr die ersten Stufen erklimmt, lohnt sich ein Blick zurück in die Zeit. Der Daishoin ist nicht einfach nur ein Tempel, sondern das spirituelle Zentrum des Shingon-Buddhismus auf der Insel. Seine Gründung geht auf das Jahr 806 zurück und ist eng mit dem berühmten Mönch Kobo Daishi (auch bekannt als Kukai) verknüpft. Nach seiner Rückkehr aus China soll er auf dem Gipfel des Berges Misen 100 Tage lang meditiert und dabei eine heilige Flamme entzündet haben.
Der Daishoin wurde als Haupttempel errichtet, um diese Lehren zu bewahren und die kaiserliche Familie eng mit der Spiritualität Miyajimas zu verbinden. Über Jahrhunderte hinweg genoss der Tempel höchste Protektion und diente als Residenz für kaiserliche Abgesandte. Wenn ihr heute durch die Hallen schreitet, spürt ihr diesen geschichtsträchtigen Atem in jedem Balken und jeder Statue – es ist ein Ort, der Kriege und Naturgewalten überdauert hat, um euch heute seine Ruhe zu schenken.

Der Aufstieg zum Daishoin-Tempel: Treppenstufen voller Segen
Schon der Eingang zum Tempelgelände ist ein Erlebnis für sich. Ihr schreitet durch das beeindruckende Niomon-Tor, das von zwei grimmig dreinschauenden Wächterstatuen flankiert wird. Doch keine Sorge, die sind nur dazu da, das Böse fernzuhalten!

Direkt dahinter erwartet euch eine lange Treppe. Schaut euch hier unbedingt das Geländer an: Es besteht aus hunderten von goldenen Gebetsmühlen (Sutra-Rollen). Ihr seid herzlich eingeladen, diese beim Aufstieg mit der Hand in Schwung zu versetzen. Man sagt, dass das Drehen der Rollen den gleichen Segen bringt wie das Lesen der heiligen Schriften. Eine ziemlich praktische Abkürzung zum Karma-Konto, oder?

Die 500 Rakan-Statuen: Ein Meer aus Gesichtern und Geschichten
Eines der faszinierendsten Merkmale, das euch beim Aufstieg sofort ins Auge fallen wird, sind die 500 Rakan-Statuen. Rakan sind im Buddhismus die „Erleuchteten“ oder die Jünger Buddhas, die das Nirvana erreicht haben. Doch vergesst steife, unnahbare Heiligenfiguren – diese Statuen sprühen vor Persönlichkeit.

Jede einzelne der 500 Figuren wurde mit einem völlig individuellen Gesichtsausdruck und einer einzigartigen Körperhaltung gestaltet. Wenn ihr euch die Zeit nehmt und langsam an ihnen vorbeigeht, werdet ihr aus dem Staunen nicht herauskommen: Da gibt es den lachenden Rakan, den nachdenklichen Philosophen, den schüchternen Beobachter und sogar Statuen, die wirken, als würden sie gerade einen kleinen Scherz mit ihrem Nachbarn treiben. Die Vielfalt ist so groß, dass es in Japan heißt, man könne unter den 500 Rakan immer ein Gesicht finden, das einem verstorbenen Vorfahren oder gar einem selbst ähnelt.

Ein besonders herzerwärmendes Detail sind die handgestrickten Accessoires. Fast jede Statue trägt eine bunte Wollmütze oder ein kleines Lätzchen, oft in kräftigem Rot oder Gelb. Diese wurden von Gläubigen gespendet, um den Statuen (und damit den Seelen der Verstorbenen oder Kindern) Schutz und Wärme zu spenden. Dieser Kontrast zwischen dem grauen, bemoosten Stein und der farbenfrohen, weichen Wolle verleiht dem Tempelgelände eine unglaublich friedliche und fast schon familiäre Atmosphäre. Es ist, als würde man durch eine Versammlung alter Freunde wandern, die geduldig darauf warten, dass ihr ihre Geschichten hört.

Nehmt euch hier wirklich Zeit für die Details – die kleinen Gesten der Hände, die winzigen Vögel auf den Schultern mancher Figuren oder die malerische Art, wie sich die Natur den Raum zurückerobert, während Moose die Steingesichter sanft umrahmen.
Der Henjokutsu-Höhlengang: Eine Reise durch das Universum der Stille
Nachdem ihr das Tageslicht und die vielen Gesichter der Rakan genossen habt, solltet ihr euch auf die Suche nach dem Eingang zur Henjokutsu-Höhle machen. Dieser Ort ist für viele Besucher der emotionale Höhepunkt. Sobald ihr die Schwelle überschreitet, verändert sich die Welt um euch herum schlagartig. Das helle Sonnenlicht weicht einer schummrigen, fast mystischen Dunkelheit, die nur vom sanften Schimmer tausender goldener Laternen an der Decke durchbrochen wird.

Die Höhle ist kein bloßer Tunnel, sondern ein spirituelles Abbild des berühmten Shikoku-Pilgerwegs. Entlang der Wände findet ihr 88 Statuen, die jeweils einen der 88 Tempel der großen Pilgerreise repräsentieren. Das Besondere für euch: Vor jeder dieser Statuen ist eine kleine Menge Sand in den Boden eingelassen, der direkt vom jeweiligen Originaltempel auf Shikoku stammt.

In Japan glaubt man, dass das Abschreiten dieses Ganges und das Treten auf den Sand denselben spirituellen Segen bringt, als hätte man die mühsame, wochenlange Pilgerreise zu Fuß um die gesamte Insel Shikoku tatsächlich absolviert. Es ist eine Art „spirituelle Abkürzung“, aber sie fühlt sich keineswegs billig an. Die Atmosphäre im Inneren ist so dicht und andächtig, dass man automatisch leiser tritt und den Atem anhält. Der Geruch von Weihrauch hängt schwer und angenehm in der Luft, und das monotone Leuchten der Lampen wirkt fast hypnotisch.

Es ist der perfekte Ort, um für einen Moment die Außenwelt zu vergessen, eure Gedanken zu ordnen und die tiefe Ruhe zu spüren, die das Wesen des Shingon-Buddhismus ausmacht.

Was es sonst noch zu entdecken gibt
- Das Sand-Mandala: In einer der Hallen fertigen tibetische Mönche oft kunstvolle Mandalas aus buntem Sand an. Die Präzision ist atemberaubend.
- Die Dai-hondo Halle: Hier brennt seit über 1.200 Jahren das „Ewige Feuer“, das Kobo Daishi (der Gründer der Sekte) entzündet haben soll. Es diente übrigens auch dazu, das Friedensfeuer in Hiroshima zu entfachen.
- Mizukake Jizo: Gießt Wasser über diese kleinen Statuen, um verstorbenen Seelen Gutes zu tun und euch selbst zu reinigen.

Wichtige Tipps für euren Besuch
Damit ihr euren Aufenthalt im Daishoin vollends genießen könnt, haben wir ein paar praktische Hinweise für euch zusammengestellt:
Zunächst einmal solltet ihr die Anreise clever planen. Die meisten Besucher kommen mit der Fähre an und gehen direkt zum berühmten Torii. Von dort aus sind es etwa 15 bis 20 Minuten Fußweg, die leicht bergauf führen. Wir empfehlen euch, den Weg durch den Momijidani-Park zu nehmen – besonders im Herbst ist das Laub hier spektakulär.

Was die Kleidung betrifft: Ihr werdet im Tempelgelände immer wieder Tempelhallen betreten, in denen striktes Schuhverbot herrscht. Zieht euch also Schuhe an, in die ihr leicht hinein- und wieder herausschlüpfen könnt (Loafer oder Sneaker). Achtet auch darauf, dass eure Socken keine Löcher haben – ihr werdet sie öfter zeigen, als ihr denkt! Da der Daishoin am Fuße des Berges liegt, kann es hier im Schatten der Bäume auch im Sommer etwas kühler sein als unten am Wasser, also packt bei Bedarf eine leichte Schicht zum Überwerfen ein.

Nehmt euch ausreichend Zeit. Viele Reisende machen den Fehler, den Daishoin nur als „schnelles Extra“ nach dem Itsukushima-Schrein einzuplanen. Doch der Tempel ist ein Labyrinth aus Treppen, kleinen Schreinen und versteckten Statuen. Zwei Stunden solltet ihr mindestens einplanen, um nicht durch dieses kleine Paradies hetzen zu müssen. Und vergesst nicht: Der Eintritt ist zwar kostenlos, aber es gehört zum guten Ton, eine kleine Münze in die Opferstöcke zu werfen, besonders wenn ihr an den Ritualen wie dem Drehen der Gebetsmühlen teilnehmt.

Fazit: Warum der Daishoin euer Highlight sein wird
Der Besuch des Daishoin-Tempels ist oft der Moment, an dem Reisende feststellen, dass Miyajima so viel mehr ist als nur ein schönes Fotomotiv im Wasser. Während der berühmte Itsukushima-Schrein durch seine Eleganz und seine architektonische Leichtigkeit besticht, bietet der Daishoin eine Tiefe und eine Greifbarkeit, die man selten findet. Hier geht es nicht nur um das Betrachten, sondern um das Erleben: Ihr dreht die Sutra-Rollen, spürt den Sand unter euren Füßen im Höhlengang und blickt in die hunderte menschlichen Gesichter der Rakan-Statuen.

Für uns ist dieser Tempel das wahre spirituelle Herz der Insel. Er strahlt eine Ruhe aus, die euch auch dann noch begleiten wird, wenn ihr längst wieder in der geschäftigen Fähre Richtung Festland sitzt. Es ist die Kombination aus der wilden Natur des Berges Misen, der sorgsamen Pflege durch die Mönche und der verspielten Note der bepuderten Statuen, die diesen Ort so einzigartig macht.

Wenn ihr nach Japan reist, um einen Moment des Innehaltens zu finden, dann werdet ihr ihn genau hier finden. Lasst euch auf die Magie ein, nehmt die Treppen mit Geduld und lasst euren Blick schweifen – der Daishoin wird euch mit Erinnerungen belohnen, die weit über das klassische Touristenfoto hinausgehen.

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