Kimono tragen als Nicht-Japaner: Zwischen Respekt, Begeisterung und gelebter Kultur

0
260
Drei Personen in bunten Kimonos stehen mit dem Rücken zur Kamera und blicken in Spiegel. Ihr Haar ist ordentlich zu einem Dutt frisiert, den jede mit einem dekorativen Accessoire befestigt hat.
  – Gastbeitrag von edoline.de  

Ich erinnere mich noch gut an das erste Bild eines Kimono, das ich je gesehen habe. Es war in einer alten Enzyklopädie meiner Oma: eine Doppelseite über Japan, auf der zwei Frauen in farbenfroher Kleidung vor einer typisch japanischen Kulisse standen. Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt und fand das Bild, die Farben und die Kleider einfach wunderschön. Damals habe ich natürlich nicht gewusst, dass mich dieses Thema viele Jahre später so intensiv begleiten würde.

Heute, nach unzähligen Stunden mit Kimono, einem Japanologiestudium und über sechs Jahren in Japan, ist all das längst Teil meines Alltags geworden.

Nach meinem Abschluss an der Universität habe ich einige Zeit in einem Kimono-Verleih in Kyoto gearbeitet. Was ich heute über das Ankleiden (jap. kitsuke), Kombinieren und Stylen von Kimono weiß, habe ich dort gelernt. Durch Beobachten, Fragen und ganz viel Übung. Und durch Kolleginnen, die mir nach Feierabend geduldig ihre kleinen Tricks gezeigt haben. Diese Erfahrungen haben nicht nur mein Verständnis von Kimono geprägt, sondern auch meine Begeisterung dafür vertieft.

Inzwischen lebe ich wieder in Deutschland und bin neben meinem Hauptberuf Mitgründerin von Edoline Germany, einem kleinen Projekt, das sich dafür einsetzt, Kimono auch außerhalb Japans erlebbar zu machen. In diesem Artikel möchte ich einige häufige Fragen beantworten – und vielleicht auch ein paar Berührungsängste nehmen.

Darf ich in Japan als Nicht-Japaner Kimono tragen?

Kurz gesagt: Ja. Wer respektvoll damit umgeht, macht nichts falsch.

In den sechs Jahren, die ich in Japan gelebt habe, habe ich nie erlebt, dass mein Interesse an Kimono negativ aufgenommen wurde. Im Gegenteil: Auf der Straße kamen oft Komplimente, manche Japanerinnen sagten sogar, ich hätte sie inspiriert, selbst wieder Kimono zu tragen.

Kritik kam allenfalls online, meist von Menschen außerhalb Japans, die mir kulturelle Aneignung vorwarfen. Ich sehe das gelassen, denn Kimono ist Kleidung. Ja, tief in der japanischen Kultur verankert, aber nie exklusiv. Wer Kimono mit Respekt trägt, sich mit dem Handwerk und den Regeln von Kitsuke beschäftigt und es nicht als exotisches Kostüm versteht, macht nichts falsch. Kleidung ist immer auch ein Zeichen von Interesse, Austausch und Begegnung. Niemand würde einem Japaner das Tragen eines Anzugs verbieten wollen, oder?

Ein hell erleuchtetes Ladeninnere, in dem farbenfrohe Kimonos auf Regalen ausgestellt sind, mit einer Schaufensterpuppe in einem weißen Kimono und Obi in der Mitte - eine Einladung auch an Nicht-Japaner, japanische Kultur zu erleben und Kimono zu tragen.

© Edoline

Wie funktioniert Kimono Rental in Japan?

Rental-Läden gibt es in fast allen großen Städten. Besonders in Kyoto oder Tokio, oft in der Nähe beliebter Sehenswürdigkeiten.

Der Ablauf ist gut strukturiert: Zuerst wird online oder vor Ort ein Termin gebucht. Manche Anbieter sind auch speziell darauf ausgelegt, spontan Kunden anzunehmen. In den Läden stehen dann zahlreiche Kimonos zur Auswahl, ergänzt durch passende Obi-Gürtel. Das Ankleiden erfolgt durch geschultes Personal und dauert in der Regel 20 bis 30 Minuten. Je nach Angebot ist auch ein einfaches Haarstyling mit dekorativen Haar-Ornamenten inklusive.

Nach dem Ankleiden bekommt man zum Kimono passende Schuhe und eine Tasche zur Verfügung gestellt und der Spaziergang kann beginnen. Viele Rental-Läden bieten zudem Schließfächer und Gepäckaufbewahrung an. Die Rückgabe erfolgt meist am späten Nachmittag oder frühen Abend, oder eben auch früher, wenn man möchte.

Das gesamte Erlebnis ist auf Einsteiger ausgelegt und in vielen Fällen auch ohne Sprachkenntnisse problemlos möglich. Ein unkomplizierter Einstieg in die Welt der Kimono.

Zwei Schaufensterpuppen in bunten Kimonos stehen neben einem großen Schild mit einer lächelnden Frau in einem geblümten Kimono. Das Schild wirbt sowohl auf Japanisch als auch auf Englisch für den Verleih von Kimonos.

© Edoline

Worauf sollte ich beim Kimono Tragen achten?

Kimono ist mehr als Stoff. Es ist ein System aus Regeln, Etikette und Ästhetik. Wichtig ist zum Beispiel: Immer die linke Seite über die Rechte wickeln, denn die umgekehrte Richtung ist Toten vorbehalten. Auch die Auswahl des Kimono sollte zur Jahreszeit, zum Anlass und zur Rolle der tragenden Person passen.

Ein Anfängerfehler, den man oft sieht, sind zu große Schritte und ausladende Bewegungen. Kimono verlangt kleine, kontrollierte Bewegungen. Sonst flattert der Stoff, verrutscht der Obi oder es sieht schlicht unvorteilhaft aus.

Und dann gibt es noch die Sache mit der Unterwäsche. Viele Kimonos, vor allem aus Seide, sind nicht waschbar. Deshalb trägt man darunter spezielle Unterkimono aus Baumwolle, günstiger Seide oder Polyester. Wer einen Kimono direkt auf der Haut trägt, riskiert nicht nur Flecken, sondern beschädigt unter Umständen auch das wertvolle Material.

Eine Person in einem grün gemusterten Kimono steht im Freien vor einem traditionellen japanischen Gebäude mit roten und gelben Akzenten, umgeben von Herbstbäumen.

© Edoline

Leihen oder direkt selber kaufen?

Für den Einstieg ist ein Rental-Angebot oft die beste Wahl. So bekommt man am schnellsten ein Gefühl dafür, wie der Kimono sitzen muss. Außerdem lernt man viel über das notwendige Zubehör und auch über den Aufwand des Kimono-Ankleidens. Denn: Der Kimono allein reicht nicht.

Man braucht Unter-Kimonos, Schnüre, einen Obi, eventuell Polsterungen und andere Accessoires, die das Outfit vervollständigen.
Günstige Rental-Angebote gibt es in Japan schon ab 3000 Yen (im Moment sind das unter 20 Euro). Die dort verliehenen Sets sind oft aus Polyester, nicht sehr hochwertig, aber farbenfroh. Sie sind perfekt für einen ersten Eindruck und werden genauso angezogen wie die teuren Kimonos aus Seide.

Wer direkt mehr möchte, kann in einem hochwertigeren Rental-Laden einen Kimono aus Seide probieren. Das Tragegefühl ist unvergleichlich.

Straßenansicht eines Ladens mit Regalen mit bunten Kimonos und traditioneller Kleidung, die außen und innen ausgestellt sind, Schaufensterpuppen im vorderen Bereich und eine Person hinter dem Tresen in einem gut beleuchteten Innenraum.

© Edoline

Wo kann ich einen Kimono kaufen?

Wer in Japan unterwegs ist, kann die Gelegenheit nutzen, einen Kimono direkt vor Ort zu kaufen. Fachgeschäfte, sogenannte Gofukuya, bieten maßgeschneiderte Stücke mit individueller Beratung zu Stil, Größe und Budget. Wer etwas sparen möchte, wird in Secondhand-Läden fündig: Dort gibt es gut erhaltene Vintage-Kimonos, oft zu sehr günstigen Preisen. Wichtig ist, auf die Maße zu achten, denn viele ältere Kimonos sind eher klein geschnitten.

Auch online lassen sich echte Kimonos finden, etwa über eBay oder Etsy. Beim Direktimport aus Japan sollte man jedoch mögliche Einfuhrgebühren und eingeschränkte Rückgabemöglichkeiten im Blick behalten. In Deutschland gibt es inzwischen einige spezialisierte Shops mit persönlicher Beratung und transparenter Herkunft. Entscheidend für einen sicheren Einkauf im Internet ist: Wer Kimono verkauft, sollte auch wissen, wovon er spricht.

Eine Nahaufnahme eines ordentlich gestapelten Stapels bunter, gefalteter Kimonostoffe mit verschiedenen Mustern und Texturen in Lila-, Rosa-, Creme- und Blautönen.

© Edoline

Kimono in Deutschland tragen?

Auch hier ist Kimono tragbar, wenn auch ungewohnt. In der Öffentlichkeit wird man sicher auffallen. Die meisten Menschen reagieren neugierig oder machen Komplimente, andere sind eher überrascht. Wer sich damit wohler fühlt, kann sich passende Anlässe suchen: Japanfeste, der Japantag in Düsseldorf, Conventions oder auch ein Museumsbesuch bieten einen schönen Rahmen.

In unserer Facebook-Gruppe „Kimono in Deutschland“ tauschen sich mittlerweile über 300 Mitglieder aus. Mit Edoline Germany organisieren wir Kimono-Treffen in Deutschland und bieten Workshops und Ankleide Services für Interessierte an. Zudem verkaufen wir sorgfältig ausgewählte Vintage-Kimonos, oft Einzelstücke, die in Japan sonst aufgrund von mangelnder Nachfrage eventuell auf dem Müll landen würden.

Eine Frau in einem leuchtend magentafarbenen Kimono steht auf einer Matte, während eine andere ihren Kimono auf der Bühne zurechtrückt. Schuhe und Kimono-Accessoires liegen auf dem Boden, während hinter ihnen Fotos von Kimono-Trägern auf eine Leinwand projiziert werden.

© Edoline

Was unterscheidet das Angebot von Edoline vom Kostümverleih?

Der wichtigste Punkt ist unser Anspruch: Kein Verleih ohne Kitsuke. Das Ankleiden ist eine Kunst für sich und ohne Hilfe oft überfordernd. Wir wollen, dass unsere Kund*innen sich wohlfühlen und gleichzeitig etwas über die Tradition lernen.

Zudem wählen wir unsere Kimonos sorgfältig aus. Viele stammen aus kleinen Secondhand-Läden oder spezialisierten Fachgeschäften in Japan. Qualität, Herkunft und Erhalt stehen für uns im Vordergrund.

Eine Schaufensterpuppe in einem blumengemusterten Kimono mit einem rosa Obi steht in einem Geschäft zwischen Regalen, die mit ordentlich gefalteten bunten Kimonos und Stoffen gefüllt sind.

© Edoline

Stil, Einstieg und Empfehlungen

Kimono ist zwar kompliziert, aber kein starres System. Ich selbst habe mich anfangs streng an alle Regeln gehalten. Heute kombiniere ich auch mal westliche Elemente, experimentiere mit Mustern oder binde den Obi etwas freier. Wichtig ist, die Hintergründe zu kennen und bewusst mit ihnen umzugehen.

Für Einsteiger sind Yukata eine gute Wahl: leichte Sommerkimono aus Baumwolle, einfacher zu tragen und günstiger in der Anschaffung, da dafür weniger Zubehör benötigt wird.

Ein Tabu sind Mofuku-Kimono, schwarze Trauerkleidung, die nur von direkten Angehörigen auf Beerdigungen getragen werden. Auch zu lang getragene Säume, die außerhalb des Hauses über den Boden schleifen, sollten vermieden werden. Aus Respekt vor dem Stoff und der Handarbeit.

Vier Personen in farbenfrohen Kimonos stehen auf einer Matte in einem Raum und blicken auf eine Frau in einem blauen Kimono, die sie zu unterrichten oder anzuleiten scheint. An der Wand im Hintergrund hängen traditionelle Schuhe und Kunstwerke.

© Edoline

Was Kimono für mich bedeutet

Wenn ich Kimono trage, fühle ich mich elegant. Verbunden mit der japanischen Kultur, mit der Handwerkskunst dahinter, mit meinem früheren Leben in Kyoto. Kimono ist für mich ein Stück Zuhause, auch wenn ich heute in Deutschland lebe.

Und es ist ein Fass ohne Boden. Wer einmal anfängt, landet schnell in einem Strudel aus Mustern, Seide, Obi-Bindungen und Accessoires. Es ist ein Hobby, das fordert, aber auch belohnt.

Eine Frau in einem traditionellen Kimono sitzt auf einer Holzbank an einem großen Fenster und schaut nach draußen. Weiches Licht beleuchtet sie und die blumengemusterte Tapete, während ihre kleine gemusterte Tasche neben ihr ruht.

© Edoline

Fazit: Einfach anfangen

Kimono zu tragen heißt nicht, sich zu verkleiden. Es heißt, offen zu sein für eine neue Ästhetik, neue Bewegungsmuster, neue Perspektiven. Man muss nicht alles perfekt machen, aber wer sich mit Interesse und Respekt nähert, ist auf dem richtigen Weg.
Und wenn du Fragen hast, melde dich gern. Wir freuen uns über den Austausch und jede Nachricht. Kimono ist da, um getragen zu werden, auch von dir.
Kimono es ein tolles Hobby ist mit einer super Community!

Tipp: Wenn du dich weiter ins Thema einlesen willst, findest du auf unserer Seite auch Infos zu Yukata, Kitsuke und dem richtigen Umgang mit Vintage-Kimono.

Website: https://www.edoline.de/

 

Eine Gruppe von sechs Personen posiert gemeinsam auf einer schmalen Straße. Fünf von ihnen tragen bunte Kimonos und halten Friedenszeichen hoch; einer in der Mitte trägt lässige moderne Kleidung mit einem gestreiften Hemd.

© Edoline

 

Empfehlungen

Nutzt Du diese Links, dann erhalte ich eine kleine Provision. Du hast dadurch keine Extra-Kosten, unterstützt mich aber dabei, diesen Blog zu betreiben

Sharing is caring