Joya no Kane (除夜の鐘) – Die 108 Glockenschläge, die den Geist reinigen

0
952
Ein großer traditioneller japanischer Glockenturm steht im Innenhof des Hosenji, umgeben von Steinwegen und angelegten Büschen, mit Gebäuden und Bäumen, die an einem sonnigen Tag im Hintergrund zu sehen sind. Joya no Kane

In Japan ist der Übergang vom Ōmisoka (大晦日, Silvester) zum Ōshōgatsu (お正月, Neujahr) eine zutiefst spirituelle und traditionelle Angelegenheit. Während ihr in vielen Teilen der Welt mit Sekt, Böllerlärm und ausgelassenen Partys das neue Jahr begrüßt, erleben die Japaner den Jahreswechsel in einer Atmosphäre der Besinnung, der Einkehr und der rituellen Reinigung. Der Höhepunkt dieses Übergangs ist das Joya no Kane (除夜の鐘), das Läuten der Tempelglocken in der Silvesternacht.

Es ist ein einzigartiges, kraftvolles Ritual, das nicht nur akustisch beeindruckt, sondern eine tiefgreifende philosophische Bedeutung im buddhistischen Glauben hat. Die Glocken schlagen exakt 108 Mal. Jeder dieser Schläge dient einem bestimmten Zweck: die Läuterung des menschlichen Geistes von den 108 irdischen Begierden oder Bon’nō (煩悩).

Ich möchte euch in die erhabene Welt des Joya no Kane entführen. Ich werde euch die buddhistische Lehre der Bon’nō im Detail erklären, euch den genauen Ablauf dieses nächtlichen Rituals schildern und euch zeigen, welche Rolle dieser tief klingende Brauch in der modernen japanischen Kultur heute noch spielt.

Übrigens: Verpasst nicht meinen Japan Adventskalender, der Euch jeden Tag eine kleine Geschichte rund um die Weihnachts-/Neujahrs- und Winterzeit in Japan bietet. Dazu gibt es jeden Tag ein Rätsel und am Ende einige tolle Gewinne.

Die Zahl 108: Das Fundament der Läuterung

Um Joya no Kane zu verstehen, müsst ihr zunächst die zentrale Rolle der Zahl 108 im Buddhismus und insbesondere in dieser Zeremonie begreifen. Diese Zahl ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer komplexen buddhistischen Zählweise der menschlichen Mängel und Sehnsüchte.

Bon’nō (煩悩): Die 108 irdischen Begierden

Bon’nō ist der japanische Begriff für die buddhistischen Kleshas (Sanskrit), die geistigen Gifte oder negativen Leidenschaften, die den Menschen an den leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) binden. Es sind jene ungesunden Zustände des Geistes, die uns Schmerz, Leid und Verwirrung verursachen.

Die 108 ist die exakte Anzahl der Bon’nō, die man am Jahresende symbolisch vertreiben möchte. Wie setzt sich diese Zahl zusammen?

  • Die Sechs Sinne: Die Basis sind die sechs Sinne oder Sechs Wurzeln (Rokkon), durch die wir die Welt wahrnehmen: Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist. (6)
  • Die Drei Empfindungen: Jede Wahrnehmung durch diese sechs Sinne kann mit einer von drei Empfindungen erfahren werden: angenehm, unangenehm oder neutral. (6 x 3 = 18)
  • Die Zwei Zustände: Diese 18 Empfindungen wiederum können entweder rein () oder unrein (Mai) sein, abhängig davon, ob sie uns an die Bon’nō binden oder zur Befreiung führen. (18 x 2 = 36)
  • Die Drei Zeiten: Diese 36 Zustände beziehen sich auf die Gegenwart. Wenn ihr sie auf die Vergangenheit und die Zukunft anwendet, erhaltet ihr die Gesamtzahl: (36 x 3 = 108)

Zusammenfassend repräsentieren die 108 Bon’nō alle möglichen Leidenschaften, Illusionen und negativen Gedanken, denen ihr in eurem Leben begegnet seid oder noch begegnen werdet.

Die Sechs Wurzeln des Leidens

Eine andere populäre Unterteilung der Bon’nō basiert auf den drei Hauptgiften (Sandoku), die an das Fundament aller 108 Begierden rühren:

  • Gier (Ton): Das Verlangen nach materiellen Gütern, Macht oder sinnlicher Befriedigung.
  • Hass (Jin): Die Ablehnung, Wut oder Feindseligkeit gegenüber Menschen oder Situationen.
  • Ignoranz/Verblendung (Chi): Die Unwissenheit über die wahre Natur der Realität und das Festhalten an Illusionen.

Jeder Glockenschlag im Joya no Kane ist ein akustischer Schlag gegen diese mentalen Fesseln. Es ist der rituelle Akt der Entschlossenheit, diese unheilsamen Geisteszustände loszulassen und das neue Jahr mit einem reinen, unbelasteten Herzen zu beginnen.

Tempelveranstaltungen am Zōjō-ji Tempel

Der Ablauf des Joya no Kane Rituals

Das Joya no Kane findet in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar in buddhistischen Tempeln in ganz Japan statt. Es ist ein Ereignis, das sowohl von tiefem Ernst als auch von einer gemeinschaftlichen, stillen Freude geprägt ist.

Der Zeitpunkt des Läutens

Das Läuten beginnt nicht exakt um Mitternacht, sondern erstreckt sich über den Jahreswechsel:

  • 107 Schläge im alten Jahr: Die ersten 107 Glockenschläge erfolgen kurz vor Mitternacht am Silvesterabend (Ōmisoka). Jeder dieser Schläge soll eine Bon’nō aus dem vergangenen Jahr vertreiben und die Menschen von ihren Lasten befreien.
  • Der 108. Schlag im neuen Jahr: Der allerletzte Schlag ertönt exakt um Mitternacht. Dieser finale, zutiefst symbolische Schlag signalisiert nicht nur den Beginn des neuen Jahres, sondern symbolisiert auch die Überwindung der letzten und hartnäckigsten Bon’nō – der Illusion der eigenen Existenz. Durch diesen letzten Klang wird der Geist gereinigt und ist bereit, den Segen des neuen Jahres zu empfangen.

Die Technik des Glockenläutens

Die Tempelglocken (Bonshō oder Tsurigane) sind oft riesig und können viele Tonnen wiegen. Das Läuten erfordert daher eine besondere Anstrengung und Präzision:

  • Der Läuteklotz (Shumoku): Die Glocke wird nicht durch ein Seil, sondern durch einen horizontal aufgehängten Holzstamm angeschlagen, den Shumoku.
  • Teamwork der Mönche: Bei besonders großen Glocken, wie der berühmten im Chion-in Tempel in Kyoto, sind bis zu 17 Mönche nötig. Ein Hauptmönch kontrolliert den Shumoku, während der Rest der Mannschaft mit Seilen den Schwung des Baumstamms kontrolliert, um den perfekten, tiefen Klang zu erzeugen. Bei jedem Schwung hört man die Mönche „Ee hitotsu“ (Noch eins!) oder „Sōre“ (Jetzt!) rufen – ein beeindruckendes Zusammenspiel von physischer Kraft und spiritueller Konzentration.
  • Die Dauer: Das Läuten erfolgt in regelmäßigen, meditativen Intervallen, sodass der tiefe Ton jedes Schlages voll ausschwingen kann, bevor der nächste Schlag erfolgt. Das gesamte Ritual kann daher eine Stunde oder länger dauern.

Die Erfahrung für die Besucher

Viele Japaner pilgern am Silvesterabend zu ihrem lokalen buddhistischen Tempel, um dem Joya no Kane beizuwohnen. Für die Besucher bietet sich eine seltene Gelegenheit:

  • Aktive Teilnahme: An vielen Tempeln ist es den Besuchern erlaubt, selbst die Glocke zu schlagen, oft gegen eine geringe Spende und in strenger Reihenfolge. Dies wird als direkter Akt der Selbstreinigung und als Weg, das neue Jahr mit Glück zu beginnen, angesehen.
  • Meditative Einkehr: Selbst wenn ihr nur zuhört, schafft der tiefe, langsame Klang der Glocken eine einzigartige, meditative Atmosphäre. Es ist ein Moment der kollektiven Stille und Reflektion, fernab des westlichen Silvesterlärms.
  • Der Übergang zu Hatsumōde: Direkt nach dem Joya no Kane gehen viele Besucher zu den nahegelegenen Shintō-Schreinen oder bleiben in den Tempeln, um das Hatsumōde (初詣), den ersten Schrein- oder Tempelbesuch des neuen Jahres, zu vollziehen und für Glück und Gesundheit zu beten.

Eine traditionelle japanische Tempelglocke steht auf einer steinernen Plattform am Gotokuji, umgeben von üppigem Grün, Bambuszäunen und ein paar kahlen Ästen. Die Szene wirkt friedlich und gepflegt. Joya no Kane

Die Theologie des Klangs: Warum gerade die Glocke?

Ich möchte euch erklären, warum gerade der Klang einer massiven Glocke das Medium für diese tiefgreifende spirituelle Reinigung ist.

Der Klang als Befreiung (Gehen)

Im Buddhismus wird der Klang als mächtiges Werkzeug der Läuterung verstanden. Der tiefe, resonante Ton der Bonshō gilt als ein Klang, der die Grenzen der weltlichen Realität durchbricht:

  • Resonanz der Wahrheit: Der Ton vibriert lange nach und breitet sich weit aus. Symbolisch trägt diese Vibration die Dharma (die buddhistische Lehre) in die Welt und vertreibt die Dunkelheit der Unwissenheit.
  • Auflösung der Illusion: Mit jedem Schlag wird der Bon’nō-Gedanke nicht nur vertrieben, sondern symbolisch zerstört. Der ausklingende Ton lehrt die Vergänglichkeit (Mujō): Wie der Klang vergeht, so vergehen auch eure irdischen Begierden und euer Leid.

Der Bezug zur Zen-Tradition

Das Ritual des Joya no Kane stammt ursprünglich aus der chinesischen Zen-Tradition (Chan). In Zen-Tempeln spielte die Glocke eine zentrale Rolle, um die Tagesstruktur der Mönche zu markieren. Der Klang der Glocke erinnert an die Notwendigkeit der ständigen Achtsamkeit.

In diesem Kontext ist der 108. Schlag ein Befehl zur Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Er schließt die Türen zum alten Jahr und seinen Verfehlungen und öffnet sie zu einem reinen, neuen Jahr, das mit einem achtsamen Geist begonnen werden soll.

Berühmte Tempel und ihre Traditionen

Obwohl Joya no Kane in Tausenden von Tempeln in ganz Japan praktiziert wird, gibt es einige Orte, die für ihre spektakuläre Durchführung oder die Größe ihrer Glocken berühmt sind.

1. Chion-in Tempel (Kyoto)

Der Chion-in ist der Haupttempel der Jōdo-Schule und zweifellos der berühmteste Ort für Joya no Kane.

  • Die größte Glocke: Die Glocke hier ist eine der größten in Japan. Sie wiegt rund 70 Tonnen und erfordert, wie bereits erwähnt, die koordinierte Kraft von 17 Mönchen, um den massiven Holzklotz in Bewegung zu setzen.
  • Das Spektakel: Das Ritual im Chion-in ist ein öffentliches Spektakel, das oft im japanischen Fernsehen übertragen wird und Tausende von Zuschauern anzieht. Die Schreie und die choreografische Bewegung der Mönche machen es zu einem einzigartigen Erlebnis von Teamwork und Spiritualität.

Zōjōji Tempel (Tokio)

Der Zōjōji Tempel liegt strategisch günstig im Herzen Tokios und bietet einen atemberaubenden Blick auf den beleuchteten Tokyo Tower.

  • Urbaner Kontrast: Hier vereinen sich Tradition und Moderne. Die alten, tiefen Glockenschläge stehen im unmittelbaren Kontrast zur modernen Skyline und den Lichtern der Stadt.
  • Öffentliche Teilnahme: Der Tempel bietet oft die Möglichkeit zur Teilnahme, was ihn bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt macht, die ein authentisches japanisches Silvester erleben möchten.

Shitennōji Tempel (Osaka)

Als einer der ältesten buddhistischen Tempel Japans bietet der Shitennōji in Osaka eine tief verwurzelte, ehrwürdige Atmosphäre für das Joya no Kane. Die Feierlichkeiten dort sind lebendig und bieten eine intensive kulturelle Immersion.

Ein Besuch im Zōjō-ji Tempel in Tokio Geschichte, Kultur und Kinderseelen

Joya no Kane in der modernen Kultur

Die Relevanz des Joya no Kane in der modernen japanischen Gesellschaft ist bemerkenswert. Trotz der Verwestlichung vieler Aspekte des japanischen Alltags hält diese buddhistische Tradition fest an ihrem Platz im Jahreszyklus. Sie dient als ein ruhiger, gemeinsamer Anker in einer zunehmend lauten und schnellen Welt.

Die Tradition ist so tief in der nationalen Psyche verwurzelt, dass das Läuten der Glocken nicht nur in den Tempeln, sondern auch im Radio und Fernsehen übertragen wird. Viele Japaner verbringen den Moment des Jahreswechsels zu Hause mit der Familie, essen Toshikoshi Soba (年越しそば, “Jahr-übergreifende Nudeln”) und warten auf den Klang, der ihre Häuser erfüllt. Diese Nudeln, die lang und dünn sind, symbolisieren ein langes Leben und die Durchtrennung der Bindungen des alten Jahres – eine kulinarische Ergänzung zum Läuterungsritual der Glocken.

Die philosophische Idee der Bon’nō hat in der modernen Ära sogar neue Interpretationen gefunden. Während die Mönche die 108 klassischen Begierden reinigen, interpretieren moderne Japaner die Bon’nō als die 108 alltäglichen Sorgen, Ärgernisse, Fehler und Stressfaktoren des vergangenen Jahres. Es ist ein kollektiver Moment, in dem man sich erlaubt, all die kleinen und großen Belastungen – den Ärger mit dem Chef, die versäumten Chancen, die finanziellen Sorgen – loszulassen.

Joya no Kane ist somit ein Akt der psychologischen Hygiene auf nationaler Ebene. Es ist ein stillschweigendes Versprechen an sich selbst, nicht nur in ein sauberes Haus (Ōsōji) zu gehen, sondern auch mit einem gereinigten Geist. Die Stille zwischen den tiefen Schlägen bietet den Raum für eine ehrliche Selbstreflexion:

  1. Was habe ich in diesem Jahr falsch gemacht?
  2. Welche negativen Gefühle muss ich loslassen?
  3. Wie kann ich im kommenden Jahr achtsamer und weiser handeln?

Der 108. Schlag ist die Antwort, die in der Stille liegt: Neubeginn. Der Klang schwingt nach, erinnert an die Vergänglichkeit des Leidens und ermutigt zur Annahme des Moments, in dem man sich befindet. Das Ritual ist daher eine zutiefst humanistische und tröstende Tradition, die den Menschen erlaubt, ihre Unvollkommenheit anzuerkennen und den Mut zu fassen, es im nächsten Jahr besser zu machen. Es ist der perfekte, meditative Übergang in ein neues Kapitel.

Schlussfolgerung

Das Joya no Kane ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie tief buddhistische Philosophie das japanische Leben durchdringt, insbesondere in den wichtigsten Übergangsriten. Es ist ein Akt der Läuterung, der die Menschen vereint, den Geist beruhigt und eine Brücke zwischen dem Vergangenen und dem Kommenden schlägt. Die 108 Glockenschläge sind nicht nur ein Countdown ins neue Jahr, sondern eine meditative Anleitung zur Selbstreinigung. Sie erinnern euch daran, dass ein wahrer Neuanfang nur möglich ist, wenn ihr bewusst die Lasten und die Illusionen des Alten ablegt.

Ich habe euch die tiefgründige Symbolik dieser 108 Schläge, die Anatomie des Rituals und seine anhaltende Bedeutung in der modernen Welt gezeigt. Wenn ihr jemals die Möglichkeit habt, diese erhabene Nacht in Japan zu verbringen, sucht einen buddhistischen Tempel auf. Lasst euch vom tiefen, lang anhaltenden Klang der Glocke einhüllen und spürt, wie mit jedem Schlag eine eurer irdischen Begierden symbolisch von euch abfällt.

Möge der Klang des Joya no Kane euren Geist von allen Bon’nō reinigen und euch ein Jahr voller Achtsamkeit, Weisheit und Frieden schenken.

Empfehlungen

Nutzt Du diese Links, dann erhalte ich eine kleine Provision. Du hast dadurch keine Extra-Kosten, unterstützt mich aber dabei, diesen Blog zu betreiben

Sharing is caring